Kurzgeschichte
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Just Want to Sleep

Ich halte das nicht mehr aus.

Mir ist so kalt.

Ich hocke auf meinem Bett, zusammengekauert. Zitternd.

Meine Decke wärmt mich nicht. Das einzig Warme, das ich spüre, sind die tränen die über mein Gesicht laufen.

Diese furchtbare Kälte…

Ich kann einfach nicht mehr! So lange habe ich es versucht, habe versucht, mich zusammenzureißen.

Aber es geht nicht.

Schaffe es nicht, normal zu leben, so wie alle anderen. Aber wie sollte ich auch?

Ich bin doch nichts weiter als ein Versuchsobjekt. Ein Experiment, nicht einmal mehr sicher, ob man meine Existenz überhaupt noch als „Leben“ bezeichnen kann. Aber… was spielt das schon für eine Rolle?

Denn, was auch immer es ist… ich werde es beenden.

Selbstmord sei ja so egoistisch, sagen viele. Sei doch dankbar, dass du lebst!

Aber das kann ich nicht. Ich habe es versucht, und bin gescheitert! Habe versagt. Wie so oft.

Ich kann es einfach nicht.

Ich blicke zur Seite, auf den Zettel, der auf meinem Nachttisch liegt. Mein Abschiedsbrief.

Habe lange überlegt, was und ob ich überhaupt einen schreiben soll. Vielleicht war es bloße Zeitverschwendung. Aber ich habe es trotzdem getan. Nur wenige Worte…

Es tut mir leid.

Worte, die so vieles bedeuten können.

Ich meine nicht meinen Selbstmord, denn den bereue ich nicht. Jetzt nicht, und wenn ich tot bin erst recht nicht.

Kann nur hoffen, dass mein Vater auch versteht, was ich ihm damit sagen will.

Es ist meine Existenz, die mir leid tut. Ich merke doch, dass ich immer nur im Weg war, seit meine Mutter tot ist! Im Weg, ignoriert, und nur gut genug für irgendwelche Tests. Wie ein Tier in einem Versuchslabor.

Allein. Immer allein, seit Jahren.

Und sie lachen über mich! Jeden Tag! Finden, dass ich seltsam bin. Eigenartig. Krank. Ein Freak.

Vielleicht bin ich das wirklich! Wäre es denn ein Wunder?

Ich hab mir doch Mühe gegeben! Doch es spielt nicht die geringste Rolle, was ich tue und was ich nicht tue. Alles war umsonst. Meine Versuche, irgendwie glücklich zu sein, nicht immer allein… alle gescheitert.

Und nun ist es zu spät.

Ich kann nicht mehr. Halte es nicht mehr aus! Will das alles nicht mehr! Alles, was ich fühle, ist Kälte und Leere. Sonst nichts.

Ich habe genug. Greife nach den Schlaftabletten, die neben mir liegen. Genug, wie ich hoffe.

Es gibt einfachere Wege sich umzubringen, ich weiß. Doch von allen kam mir dieser hier am… unauffälligsten vor. Sorgt für weniger Aufmerksamkeit als sich zu erhängen oder sich von einer Brücke oder vor einen Zug zu stürzen. Ich will nicht noch mehr Aufsehen und Ärger verursachen.

Einfach einschlafen. Einschlafen und nie wieder aufwachen.

Nie mehr.

Alles, was ich tun kann, die einzige meiner Handlungen, die wirklich einen Effekt hat!

Freiheit.

Starre auf meine halb geöffnete Hand, in der die Schlaftabletten liegen, plötzlich unsicher… doch nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Es schmeckt so bitter. Die Welt verschwimmt vor meinen Augen. Schwere, dunkle Müdigkeit.

Ich kann nur hoffen, dass es reicht.

Das Gefühlt der kälte weicht zurück. Jetzt ist da einfach nur noch Leere. Doch sie fühlt sich nicht erleichternd an! Sondern quälend.

Ich hätte dazu Alkohol trinken sollen. Zu spät.

Alles, was ich tun kann, ist, mehr Tabletten zu nehmen, während um mich herum alles schwarz wird.

Und ich falle.


Schmerzen durchzucken mich, heftig und unerwartet. Jemand hält mich fest, drückt mich nach vorne.

Ich huste und würge, schnappe nach Luft. Merke, wie kaltes Wasser auf meine Haut prasselt, meine Kleidung durchweicht, und im nächsten Moment übergebe ich mich.

Die Schlaftabletten.

Wo bin ich? Was passiert hier?

Langsam öffne ich die Augen und schließe sie sofort wieder, da mir Wasser übers Gesicht läuft. Erbreche erneut.

Warum bin ich wach?

Das erste, was ich sehe, ist weiße, glatte Keramik, bedeckt mit Wassertropfen und Erbrochenem. Unverdaute Tabletten.

Würge ein weiteres Mal. Huste und bekomme kaum Luft. Aber ich brauche Luft! Ich bin nicht tot!

Versagt. Wieder einmal. Egal was ich tue…

Jemand schüttelt mich. Hält mich mit festem Griff gepackt und schlägt mir mit der flachen Hand ins Gesicht.

Ich will doch nur schlafen…

„Jetzt wach auf, verdammt noch mal!“

Die Stimme klingt laut, energisch. Keinen Widerspruch duldend. Aber ich bin doch wach! Leider.

Muss wieder würgen, doch es ist nichts mehr übrig, was ich erbrechen könnte.

Ein weiterer Schlag ins Gesicht. Schmerzen. Kälte. Das eisige Wasser lässt mich heftig zittern. Beobachte, wie es in den Abfluss fließt. Nicht tief genug, um mich darin zu ertränken…

Hebe den Kopf. Völlig emotionslos blicke ich meinen Vater an, der neben der Wanne auf den Fließen hockt und mich an der Schulter festhält. Den Ausdruck in seinen Augen kann ich nicht deuten.

Aber bin ich ihm vielleicht doch nicht so egal, wie ich immer dachte?

Er will etwas sagen, scheint es sich für einen Moment anders zu überlegen, fängt dann jedoch doch an, zu reden.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, sicher nichts Mitfühlendes… doch die Worte treffen mich härter, als die vorherigen Schläge.

„Du bist doch wirklich erbärmlich!“

Heftig zucke ich zusammen. Wasser läuft mir in die Augen, übers Gesicht… doch es ist nicht nur Wasser. Sondern auch Tränen.

Will etwas sagen, doch alles, was ich herausbringe, ist ein leises Schluchzen.

Erbärmlich.

Mein Vater sieht mich mit einem abwertenden Blick an, scheinbar überlegend, ob er seiner Aussage noch etwas hinzufügen soll. Dann steht er auf. Lässt meine Schulter los, und ich kippe kraftlos nach hinten und schlage mit dem Hinterkopf gegen den Rand der Badewanne. Wieder einmal durchzuckt mich Schmerz.

Eigentlich stört er mich überhaupt nicht mehr.

Ich schließe die Augen. Höre Schritte, die sich entfernen. Höre die Badezimmertür aufgehen, zugehen.

Dann Stille.

Allein.

Habe keine Kraft mehr, mich zu bewegen. Bleibe einfach liegen. Schaffe es nicht einmal, meinen Arm zu bewegen und das Wasser abzustellen.

Wenn er mich schon so sehr verachtet, wieso hat er mich dann nicht einfach sterben lassen?

Kälte. Wasser. Tränen. Leere. Übelkeit. Schmerz.

Das ist alles, was ich in diesem Moment wahrnehme. Bin allein. Wieder. Wie immer.

Schwach und unfähig, irgendetwas zu tun…

Nicht einmal sterben kann ich!

23. Mai 2021 10:57:11 0 Bericht Einbetten Follow einer Story
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Das Ende

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